Ralf Gnosa freier Schriftsteller und Literaturwissenschaftler


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Stephen Crane: The heart - Das Herz

Stephen Crane (1871-1900) - The heart

In the desert
I saw a creature, naked, bestial,
Who, squatting upon the ground,
Held his heart in his hands,
And ate of it.
I said, "Is it good, friend?"
"It is bitter-bitter," he answered;
"But I like it
Because it is bitter,
And because it is my heart."

Stephen Crane - Das Herz

In der Wüste
Sah ich ein Wesen, tierisch, nackt,
Das, am Boden kauernd,
Sein Herz in den Händen hielt
Und davon aß.
Ich sprach: "Ist es gut, Freund?"
"Es ist bitter-bitter," antwortete er,
Aber ich mag es,
Weil es bitter ist,
Und weil es mein Herz ist."


Der Amerikaner Stephen Crane fristete sein Dasein als Journalist und war ungemein produktiv; zugleich schwindsüchtig, hat er sich wohl buchstäblich "totgearbeitet" (1900 starb er im Schwarzwald, den er noch zu einer Kur aufgesucht hatte - zu spät offenbar...). Er scheint vor allem als Erzähler zu überleben. Aber er ist eine völlig eigene lyrische Stimme seiner Zeit, was selbst in den USA offenbar erst spät wahrgenommen wurde. Seine Gedichte sind prosanah, ja, man könnte sie oft als Prosagedichte bezeichnen. - Insofern gehören sie eigentlich nicht in diese meine Blütenlese und ich behaupte nicht, daß die Übersetzung dieses Gebildes eine Nachdichtung sei; nein, es ist einfach nur eine Übersetzung, die ob der Einfachheit des Textes im Grunde nicht einmal nötig wäre. Eine gewisse Rhythmik eignet diesen Zeilen zwar, aber doch nur in einem Maße, das man auch - und manchmal gar mehr - in Prosa findet, die dichterische Ansprüche erhebt.
Dieses Gedicht ist im Grunde ein Beispiel für Texte, die ich nicht zu verdeutschen pflege...
Es steht hier nur, weil ich diesen Text liebe. Crane hat in diesem winzigen Bildchen ein vollendetes Symbol geschaffen. Ich erinnere mich, dieses Gedicht erstmals zu Schulzeiten gelesen zu haben, es hat mich damals sogleich ergriffen. In Studentenwohnheim-Zeiten hing eine Abschrift dieses Gedichts an meiner Kleiderschranktür.
Mir scheint, daß Crane hier das vollendete Sinnbild des Dichters - vielleicht des Künstlers überhaupt? - in der Moderne geschaffen hat. Mache ich mich damit des "selbstidentifikatorischen Lesens" schuldig? Nun, diese Schuld will ich wohl auf mich nehmen - bin ich doch ohnehin stets zu poetologischen Lesarten geneigt... Man wird als Künstler in der Beschäftigung mit Kunst nie umhin können, immer auch ein wenig "pro domo" zu sprechen. Und das muß auch so sein, denn es ist erkenntnisfördernd - auf eine andere, aber nicht mindere Weise als sie wissenschaftliche, philologische oder historische Beschäftigung leisten kann. Beide Arten der Beschäftigung ergänzen sich gleichwertig, können einander jedoch nicht ersetzen.
Eine weitere Übersetzung (vollmundig als "Nachdichtung" bezeichnet) existiert von Karl Heinz Berger (1928-1994) (Stephen Crane: "Schwarze Reiter. Ausgewählte Gedichte zweisprachig" Leipzig: Insel (=Insel-Bücherei 693) 1985, S. 9); bei der Schlichtheit des Textes sind die Unterschiede zu meinem Versuch gering. Ein Mißgriff scheint es mir allerdings, wenn Berger Vers 5 mit "Und davon fraß" übersetzt - ate kommt von eat, das wohl auch fressen bedeuten kann - essen ist jedoch die primäre Bedeutung und hier die richtigere Übersetzung, ist vor allem auch im Gewebe des Textes m.E. angemessen, ja, notwendig: hier, in der Mitte des Textes, erhält die zunächst bestialisch anmutende Kreatur das erste menschliche Attribut, danach beginnt das Gespräch mit diesem im Akt des Sprechens endgültig menschlich werdenden Geschöpf. "Fraß" scheint gut zum vorangehenden zu passen; "aß" jedoch ist treffender, es verstärkt die Wirkung dieses Bildes: die Bestie, die ihr Herz in den Händen hält und es ganz tierisch frißt, berührt uns nicht; die bestialisch anmutende Kreatur, die es in ihren Händen hält und davon ißt - das ist ein unglaubliches Bild, das man nie mehr in seinem Leben vergißt. Der folgende, ausdeutende, vielleicht programmatische Dialog tut dann ein übriges.
Erklärungs-, vielleicht gar rechtfertigungsbedürftig in meiner Übersetzung ist der Wechsel vom vorherigen neutrum zu "er" in Vers 7, den man bei Berger nicht findet. Denn "creature" ist neutrum oder femininum, nicht masculinum; dennoch spricht Crane in Vers 7 von "he", was das vorangehende "friend" allein nicht erklären kann, das geschlechtsneutral ist. Mit seinem "he" legt Crane eine Spur, die seine Kreatur ausdrücklich als männlichen Geschlechts ausweist - dem muß eine Übersetzung Rechnung tragen.
Im Nachwort der genannten deutschen Ausgabe (meines Wissens der einzigen), das von Heinz Wüstenhagen (1931-2011) stammt, wird nach Vorbildern für Cranes ganz neuartigen Lyrikstil gesucht; mit Walt Whitman (1819-1892) und Emily Dickinson (1830-1886) meint der Verfasser fündig geworden zu sein. Wirklich? Whitman - für den mir die Antennen fehlen, zugegeben - ist weitschweifig, pathetisch, rhetorisch; hin und wieder packt er mit seinen das Dasein lobpreisenden Aufzählungen, aber vieles wirkt auf mich vordergründig und hohl. Man kann da zu einem anderen Urteil kommen, natürlich, aber zweifellos ist das, was Whitman macht, jedenfalls gegenteilig zu dem, was Cranes oft ironische, ja bisweilen zynische, ganz knappe, lapidare Gebilde auszeichnet. Mit Dickinson hat er immerhin die Knappheit gemeinsam, aber die freien Verse und die ganze Grundstimmung sind so gegensätzlich wie nur möglich. Es ist doch etwas schwieriger, Vorbilder für Crane zu finden. In Deutschland gab es in den 90er Jahren gleichfalls Bemühungen um prosanahe Verse, bei Max Dauthendey (1867-1918), Arno Holz (1863-1929), Johannes Schlaf (1862-1941), Alfred Mombert (1872-1942), Ernst Schur (1876-1912), Karl Michael von Levetzow (1871-1942) u.a., auch an Sigbjörn Obstfelder (1866-1903) könnte man denken, der zeitweilig in den USA lebte - und schließlich sogar auch an Paul Ernst (1866-1933) in seinem Lyrikband "Polymeter" (1898), der ganz vereinzelt Crane verwandt ist (sie kannten einander sicher nicht); dennoch, einen wirklichen Verwandten findet man auch hier nicht.
Crane scheint in der Tat allein von seinem eigenen Herzen gegessen zu haben...


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